Die Debatte über die Ramp-up-Fähigkeit der deutschen Rüstungsindustrie wird oft verkürzt: Kann die Industrie die benötigten Mengen liefern oder nicht? In jüngsten Berichten wurde das Thema als potenzielle Versorgungslücke dargestellt. Ein Modell prognostiziert, dass Deutschland bis 2035 mit einem Produktionsdefizit konfrontiert sein könnte. Um diese Lücke zu schließen, wären jährliche Wachstumsraten von bis zu 28 Prozent erforderlich. Der Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie e.V. (BDSV) widerspricht dieser Schlussfolgerung entschieden. Geschäftsführer Hans Christoph Atzpodien weist öffentlich darauf hin, dass die Unternehmen ihre Kapazitäten bereits ausgebaut haben und zusätzliche industrielle und personelle Ressourcen mobilisieren können. Beide Seiten bringen stichhaltige Argumente vor. Doch die Debatte bleibt nach wie vor zu eng gefasst. Der Ausbau ist nicht nur eine Frage des Produktionsvolumens. Es handelt sich um eine umfassendere Transformation. Sie betrifft Lieferketten, Beschaffungslogik, Qualifikationen der Belegschaft, Managementsysteme und Führungsverhalten. Wenn sich die Entscheidungsträger nur auf Fabriken und Finanzierung konzentrieren, übersehen sie die tatsächlichen Risiken bei der Umsetzung.
Hochlauf ganzheitlich verstehen
Die EU-Kommission jedenfalls ist laut European Defence-Readiness 2030 der Ansicht, dass Europas Verteidigungsindustrie derzeit nicht in der nötigen Menge und Geschwindigkeit produzieren kann, dass sie fragmentiert ist, und dass der Hochlauf neben der Beseitigung logistischer Engpässe verlässliche mehrjährige Aufträge benötigt. NATO und EU betonen zudem die Bedeutung resilienter Lieferketten, klarer Nachfragesignale, Standardisierung und multinationaler Beschaffung. All diese Aspekte gilt es auch für Ramp-up zu berücksichtigen.
Hinzu kommen weitere Aspekte: So identifizierte ein 2023 veröffentlichter Fachaufsatz zum erfolgreichen Management von Ramp-up-Projekten in der Fertigung Agilität, Zusammenarbeit und Integration, Systemrobustheit sowie KVP als zentrale Faktoren. Für die Verteidigungsindustrie mit ihren vielen Low-Volume-/High-Complexity (LV/HC)-Produkten ist außerdem die Verzahnung von Risikomanagement und Earned Value Management (EVM) als Mittel für realistische Projektkosten- und Zeitplanschätzungen wichtig. Das alles zeigt, wie ganzheitlich der Hochlauf der Produktion in der Sicherheits- und Verteidigungsindustrie (SVI) verstanden werden muss.
Change-Management im Ramp-up unerlässlich
Ein weiterer zentraler Punkt kommt hinzu: Die humane Seite von Ramp-ups. Auch hierzu äußert sich die EU-Kommission und verweist darauf, dass ein groß angelegter industrieller Hochlauf nur gelinge, wenn Unternehmen deutlich mehr Fachkräfte gewinnen, ausbilden, beschäftigen sowie weiter- und umqualifizieren. Das sind klassische Veränderungsprojekte: neue Rollen, Routinen, Schnittstellen. Aber auch flachere Hierarchien für schnellere Entscheidungen halten wir von den viadoo Change Guides für den erfolgreichen Ausbau der Ramp-up-Fähigkeit dringend geboten. Die Veränderung liegt dann darin, in Teams Eigenverantwortung zu stärken sowie eine Fehler- und Speak-up-Kultur zu fördern. Dies umfasst auch Anpassungen der Governance mit klaren Richtlinien, die beschreiben, was eine Eskalation rechtfertigt, wann diese erfolgen sollte, und wer einbezogen werden muss.
Unterstützt wird Ramp-up in der Rüstungsindustrie übrigens auch durch die digitale Kontinuität. Darunter versteht man die Integration von Daten und Informationen als „Single Source of Truth“ über den gesamten Lebenszyklus (Entwicklung, Fertigung, Betrieb und Service) von LV/HC-Produkten hinweg. Weil die digitale Kontinuität Time-to-Market-Prozesse beschleunigt und Qualität verbessert, fördert sie auch den Hochlauf bei Nachfragespitzen. Ihre Einführung erfordert jedoch einen Kulturwandel, weil sie die Arbeitsweise des gesamten Unternehmens verändert und interne wie externe Zusammenarbeit neu organisiert. Auch dafür ist eine kohärente Change-Management-Architektur unerlässlich, die Prozesse, Kompetenzen und Arbeitsweisen einbezieht.
Fazit: Fokus auf Stückzahlen genügt nicht
Wer also die Ramp-up-Fähigkeit der deutschen Rüstungsindustrie erhöhen will, darf nicht nur über Investitionssummen oder zusätzliche Produktionslinien sprechen. Vielmehr müssen die Verantwortlichen aus Politik, Beschaffung und Industrie diese drei Aspekte gleichzeitig sicherstellen:
- Auf nationaler Ebene müssen sie logistische Engpässe beseitigen, mehrjährige Aufträge verbindlich vergeben, resiliente Lieferketten sicherstellen sowie unter politischen und industriellen Partnern in Europa Standardisierungen und multinationale Beschaffungen ausbauen.
- Zweitens braucht es in den Betrieben professionelles Multi-Projektmanagement.
- Drittens müssen sich die Top-Führungskräfte der Defence-Industrie bewusst machen, dass Ramp-up-Fähigkeit erst durch ernst gemeintes Change Management gelingt. Denn nur dadurch werden die beteiligten Menschen neue Prozesse, flachere Hierarchien, neue Teams, neue Arbeitsweisen, neue Verantwortlichkeiten, neue Kulturen bereitwillig annehmen. Tut eine kritische Masse das nicht, zum Beispiel weil ihnen die Notwendigkeiten, Dringlichkeiten, Vorteile dieser Veränderungen nicht plausibel genug dargelegt wurden und sie nicht daran mitwirken konnten, werden alle politischen (Kriegstüchtigkeit bis 2029) und ökonomischen Ziele (Hochlauf der Produktion) verfehlt.
Erst die Kombination dieser drei Aspekte erhöht die Chance, dass zusätzlicher Verteidigungsbedarf am Ende wirklich in Stückzahlen, Auslieferterminen und voller Einsatzbereitschaft übersetzt wird.
Der Artikel erschien heute zuerst auf dem LinkedIn-Account der viadoo GmbH.
Bild: ChatGPT, basierend auf einer Vorgabe des Autors
Autor(en)
Dr. Dominik Faust verfügt über langjährige operative Führungserfahrung (>70 MA) mit P&L-Verantwortung (>6 Mio. €). Er ist Kommunikationsprofi mit der Dreifach-Perspektive eines Journalisten & Autors, eines Leiters Corporate Communications & Pressesprechers sowie eines Medienmanagers. Zudem ist er zertifizierter Change Manager und Großgruppenmoderator. Als Top-Management-Berater unterstützt er seit vielen Jahren KMUs und DAX-Konzerne bei der Planung und erfolgreichen Steuerung komplexer Projekte bzw. Transformationsvorhaben. Seine Erfahrungen teilt er hier im Blog.






