Der harte Change der deutschen Automobil-Zuliefererindustrie dauert nun schon über sechs Jahre. Allein die bisher großen Player kündigten zuletzt den Abbau von rund 40.000 Arbeitsplätzen an: Bosch kündigte im September 2025 an, in Deutschland bis 2030 22.000 Stellen zu streichen. Bei Continental summierte sich die Anzahl 2024 und 2025 auf 10.000 Stellen. Die Automotive-Sparte soll ganz verkauft werden und unter dem Namen „Aumovio“ firmieren. ZF Friedrichshafen treibt ebenfalls bereits seit 2024 den Abbau von weltweit 14.000 Stellen voran. Insgesamt wurden in der ganzen deutschen Automobil-Industrie 2025 rund 51.500 Jobs abgebaut – fast sieben Prozent der Arbeitsplätze. 2019 stellte sich die Situation noch nicht ganz so dramatisch dar, wie in unserem ursprünglichen Blogpost von damals dargestellt:
Die Situation damal im Jahr 2019
Der Absatz deutscher Automobilhersteller (OEM) ist im ersten Halbjahr 2019 um rund fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum gesunken. In China und den USA sogar um über 20 Prozent. Da Zulieferer inzwischen zu 75 Prozent für die Entwicklung und Produktion eines Fahrzeugs verantwortlich sind, spüren sie derartige Einbrüche unmittelbar. Die mittelständisch geprägte Branche beschäftigt hierzulande rund 300.000 Menschen. Tier-1-Supplier wie Bosch, Continental (Schaeffler) oder ZF regieren nun mit Programmen zur Restrukturierung und Kostensenkung. Sie befinden sich in einem harten Change-Prozess.
1. Robert Bosch GmbH
Die Robert Bosch GmbH mit Hauptsitz in Gerlingen ist mit global rund 410.000 Beschäftigten und einem Jahresumsatz in Höhe von 47,6 Milliarden Euro (Unternehmensbereich “Mobility Solutions”) größter Automotive-Zulieferer der Welt.
Sparprogramm mit Abbau von 2.000 Stellen in D
CEO Dr. Volkmar Denner will bis Ende 2022 allein hierzulande über 2.000 Beschäftigte von rund 140.000 abbauen. Außerdem will er gegebenenfalls Arbeitszeiten reduzieren. Betroffen sind Schwäbisch Gmünd (1.000 Arbeitsplätze), Feuerbach, Schwieberdingen und Bremen. Ein Hauptgrund für den geringeren Bedarf an Arbeitsplätzen sei der Umstieg der Automobilindustrie auf die Elektromobilität. Das erklärte Denner im Sommer in der Süddeutschen Zeitung: “Wenn wir bei einem Dieseleinspritzsystem zehn Mitarbeiter beschäftigen, sind es bei einem Benzinsystem drei und bei einem Elektrofahrzeug nur noch einer.”
2: Continental: “Transformation 2019–2029”
Die Continental AG mit Hauptsitz in Hannover hat als weltweit zweitgrößter Zulieferer (Umsatz: 44,4 Mrd.) 242.000 Mitarbeitende. Sie gehört mehrheitlich zur Schaeffler-Gruppe.
Sparprogramm mit Abbau von 5.000 Stellen in D
CEO Dr. Elmar Degenhart plant, bis zum Jahr 2023 global 15.000 Arbeitsplätze abzubauen. 5.000 davon allein in Deutschland. So soll am Standort Babenhausen zum Jahr 2025 die Serienproduktion von Anzeige- und Bedientechnologien eingestellt werden. Davon werden 2.200 Arbeitsplätze betroffen sein. In Limbach-Oberfrohna lässt Continental bis 2028 das Geschäft mit hydraulischen Komponenten für Dieselmotoren (Injektoren) auslaufen. Dadurch fallen 850 Arbeitsplätze weg. Und der Standort Roding soll 2024 komplett geschlossen werden (520 Arbeitsplätze).
Restrukturierung für 1,1 Mrd. Euro
Diese Maßnahmen sind Teil des weltweiten Programms zur Restrukturierung namens „Transformation 2019-2029“. Es sieht unter anderem vor, in den kommenden Jahren das Geschäft mit Hydraulikkomponenten für Benzin- und Dieselantriebe einzustellen. Stattdessen baut der Zulieferer seine profitablen Wachstumsfelder aus.
Zu den Zukunftsfeldern zählen das assistierte, automatisierte und vernetzte Fahren. Auch Dienstleistungen für Mobilitätskunden, das Reifengeschäft sowie das Geschäft mit Industrie- und Endkunden gehören dazu. Als Beispiel mag eine von Continental auf der CES 2019 in Las Vegas präsentierte Kombination aus autonomen Shuttles und Lieferrobotern dienen. Die Kosten für den Umbau werden auf 1,1 Milliarden Euro geschätzt.
Befähigung der Belegschaft
Aus einem studierten Maschinenbauer lässt sich kurzfristig nur schwer ein Elektroingenieur machen. Bei Continental haben die Verantwortlichen daher kürzlich das “Institut für Technologie und Transformation (CITT)” gegründet. Es bietet Beschäftigten maßgeschneiderte Schulungen, Seminare und Trainings zur gezielten Qualifizierung an. Damit will der Zulieferer nachhaltige berufliche Perspektiven und erweiterte Beschäftigungschancen eröffnen – intern wie extern.
3. ZF Friedrichshafen: “Next Generation Mobility”
Die ZF Friedrichshafen AG ist der fünftgrößte Automobilzulieferer (33,9 Mrd.) der Welt bzw. der drittgrößte hierzulande. 50.000 der global 135.000 Beschäftigten arbeiten in Deutschland.
Sparprogramm über 80 Mio. Euro bis 2023
Einer der größten Einzelstandorte mit rund 9.500 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ist Schweinfurt (ehemals Fichtel & Sachs). Dort befindet sich seit 2016 der Sitz der jungen Division E-Mobility. ZF-CEO Wolf-Henning Scheider will allein in Schweinfurt 80 Millionen Euro bis 2023 einsparen. Zwar soll dazu bislang kein Personal abgebaut werden. Doch dafür werden 40-Stunden-Verträge gekündigt und Arbeitszeitkonten zurückgefahren.
Neue Werke in Serbien und China für 3.000 MA
Auch verlagert der Konzern Arbeitsplätze in Niedriglohnländer (“Best-Cost-Countries”). So eröffnete ZF zuletzt ein Werk im serbischen Pancevo. Dort stellt der Zulieferer – wie in Schweinfurt – Elektromotoren her sowie elektrische Maschinen und Generatoren für Hybrid- und E-Antriebe. Außerdem produziert er dort Getriebewähl- und Mikroschalter. Das Werk ist auf 1.000 Beschäftigte ausgelegt.
Darüber hinaus hat ZF jüngst ein Joint Venture mit der chinesischen Wolong Electric Group für die Fertigung von Elektromotoren und deren Komponenten in China geschlossen. Bis zum Jahr 2025 soll es auf 2.000 Beschäftigte anwachsen.
Höhere Teile-Produktion für Elektroantriebe
ZF Friedrichshafen hat bereits vor der aktuellen Krise die Strategie „Next Generation Mobility“ aufgesetzt. Ihr wesentlicher Inhalt besteht im künftigen Ausbau der vier Technologiefelder Elektromobilität, Vehicle Motion Control, Autonomes Fahren und Integrierte Sicherheit. Allein mit Teilen für Elektroantriebe erwirtschaftet ZF derzeit einen Umsatz in Höhe von einer Milliarde Euro. Nach Angaben von CEO Scheider sollen sich die Erlöse daraus in den kommenden Jahren auf mehrere Milliarden vervielfachen.
Investitionen in E-Mobilität über 35 Mio. Euro
Deshalb erweitert das Unternehmen derzeit in Schweinfurt die Produktion elektrischer Antriebe um eine zweite Linie. Sie entsteht auf einer Fläche von 2.000 Quadratmetern im Werk Süd (Bau 601). Früher produzierten die Beschäftigten dort Stoßdämpfer. Ab Ende des ersten Quartals 2020 sollen rund 100.000 Einheiten pro Jahr vom Band rollen. 70 Beschäftigte werden direkt an der Produktionslinie arbeiten, 20 in der Arbeitsvorbereitung und Qualitätssicherung. ZF investiert 35 Millionen Euro in die neue Produktionslinie.
Investitionen in New Work über 30 Mio. Euro
Bereits im Sommer hatte ZF am dortigen Standort für 30 Millionen Euro ein E-Mobility-Center eröffnet. Dabei handelt es sich um ein neues Gebäude für die Verwaltung, Entwicklung und den Vertrieb der Division “E-Mobility”. Es bietet Platz für 520 Mitarbeiter. Ihre Arbeitsplätze wurden so gestaltet, dass sie projektbezogen und flexibel arbeiten sowie gut untereinander kommunizieren können. “Wir möchten unseren Spitzenkräften ein gutes Arbeitsumfeld bieten“, sagte Jörg Grotendorst, der Leiter der Division E-Mobility aus diesem Anlass.
4. Beschäftigte wollen bei Restrukturierung mitsprechen
Mehrere zehntausend Beschäftigte gingen in den vergangenen Wochen zu Protesten gegen die Sparpläne auf die Straßen. Sie treiben mehrere Sorgen um:
- Viele Beschäftigte fürchten, dass ihre alten Qualifikationen nicht mehr den neuen Anforderungen genügen.
- Nicht wenige Beschäftigte haben Angst, dass ihre Arbeitsplätze verlagert werden könnten in Länder mit niedrigerem Lohnniveau.
- Etliche Beschäftigte teilen nicht die Visionen ihres Managements – etwa den kompletten Wechsel von Verbrennungs- zu Elektroantrieben.
„Lassen Sie uns gemeinsam mit den Beschäftigten arbeiten“
Kein Wunder also, dass viele bei den Restrukturierungen mitsprechen wollen. Eines ihrer Sprachrohre für (mehr) Mitbestimmung ist die IG Metall. So sagte etwa ihr Bezirksleiter für Baden-Württemberg, Roman Zitzelsberger, auf einem Aktionstag seiner Gewerkschaft am 22. November 2019 in Stuttgart mit 15.000 Teilnehmenden: “Wir fordern sichere Beschäftigung im Wandel und wollen unsere Zukunft mitbestimmen. Zukunftsgestaltung geht nur gemeinsam! Lassen Sie uns gemeinsam mit den Beschäftigten Perspektiven für alle unsere Standorte und für eine Transformation mit allen Beschäftigten entwickeln.”
„Alle Beschäftigte müssen mitgenommen werden“
Die IG-Metall-Vizechefin Christiane Benner betonte auf einer Demonstration von rund 900 Continentalern am 20. November 2019 in Hannover: “Es müssen alle Beschäftigten mitgenommen werden.” Außerdem kritisierte sie den Continental-Vorstand für dessen Beschluss, das Geschäft mit Hydraulikkomponenten für Benzin- und Dieselantriebe einzustellen. Ihrer Meinung nach dürfte es noch lange eine Nachfrage nach Technik für Diesel- und Ottomotoren geben. Benner ist auch stellvertretende Vorsitzende des Continental-Aufsichtsrats.
Zuletzt aktualisiert am 09/26/2025
Autor(en)
Dr. Dominik Faust ist Gründer der viadoo GmbH. Als Top-Management-Berater mit langjähriger Führungserfahrung entwickelt er seit Jahren Change- und Kommunikationskonzepte für KMUs und DAX-Konzerne und setzt sie erfolgreich um. Mit der Bedeutung des Faktors Mensch für den Erfolg von Veränderungsprojekten ist er bestens vertraut. Die menschliche Seite der Transformation liegt ihm daher besonders am Herzen. Dominik verbindet zertifizierte Veränderungskompetenz mit multimedialer Storytelling-Expertise und operativer Change-Leadership-Erfahrung mit hoher Methodenkompetenz.






