Die Versicherungswirtschaft steht bei der Umsetzung von ESG unter massivem Druck. Regulatorische Anforderungen, Berichtspflichten, neue Erwartungen von Stakeholdern und die Anpassung von Produkten, Prozessen und Verantwortlichkeiten treiben die Transformation mit hoher Geschwindigkeit voran. Viele Versicherer arbeiten mit großem Einsatz daran, Sustainable Insurance organisatorisch und fachlich umzusetzen. Doch gerade in dieser Phase zeigt sich eine entscheidende Herausforderung: ESG ist nicht nur ein Fachthema, sondern ein unternehmensweiter Veränderungsprozess. Genau darauf weist die Studie „Sustainable Insurance“ von Union Investment und der Hochschule RheinMain in Kooperation mit der viadoo GmbH hin.
1. ESG in Versicherungen ist ein Führungs- & Kommunikationsthema
Sobald Nachhaltigkeit in die tägliche Arbeit eingreift, geht es nicht mehr nur um Richtlinien, Berichte und Governance. Es geht um Prioritäten, Routinen, Verantwortlichkeiten und Verhaltensweisen. Mitarbeitende müssen neue Anforderungen verstehen, in ihre Arbeit übersetzen und dauerhaft berücksichtigen. Führungskräfte müssen Orientierung geben, Entscheidungen erklären und Zielkonflikte handhabbar machen. Kommunikationsverantwortliche müssen aus komplexer Regulatorik anschlussfähige interne Kommunikation machen.
Genau an diesem Punkt wird aus Sustainable Insurance ein Change-Thema.
Denn Transformationen scheitern selten daran, dass es gar keine Fachkonzepte gibt. Sie geraten ins Stocken, weil die Organisation sie nicht gleichmäßig mitträgt, weil Führung nicht konsequent genug ausgerichtet ist oder weil soziale und emotionale Dynamiken unterschätzt werden. Wer ESG im Unternehmen verankern will, muss daher nicht nur Maßnahmen definieren, sondern auch Akzeptanz, Beteiligung und Umsetzungsfähigkeit organisieren.
2. Soziale & emotionale Aspekte noch unterschätzt
Die Studie legt nahe, dass genau diese überfachliche Ebene in Teilen der Branche noch nicht ausreichend im Fokus steht. Das gilt vor allem für die Rolle von Führung, Kommunikation und Beteiligung.
Besonders aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang ein Beispiel aus der Praxis: Bei Union Investment wurden in den vergangenen zehn Jahren 336 Maßnahmen im eigenen Haus umgesetzt. Bis 2025 sollen 50 weitere hinzukommen, wie Frank Jakob, Leiter Nachhaltigkeitsmanagement, berichtete. Ein Teil dieser Maßnahmen betrifft die Umstellung von Versicherungsprodukten – etwa in Komposit, Leben und Kapitalanlage – entlang der ESG-Kriterien. Viele Maßnahmen bedeuten aber eben auch Veränderungen von Gewohnheiten und Unternehmenskultur.
Genau hier liegt die eigentliche Managementaufgabe. Prozesse lassen sich anpassen. Strukturen lassen sich definieren. Aber Mindset und Kultur verändern sich nicht auf Knopfdruck. Dafür braucht es systematische Partizipation, klare Führungskommunikation und professionelle Change-Leadership.
3. Intrinsische Motivation allein trägt nicht
In vielen Versicherungsunternehmen scheint die Hoffnung mitzuschwingen, dass das Thema Nachhaltigkeit wegen seiner gesellschaftlichen Relevanz schon aus sich heraus genügend Energie mobilisiert. Tatsächlich ist die Zustimmung zu Nachhaltigkeitszielen häufig höher als bei anderen Transformationsfeldern, etwa der Digitalisierung.
Doch in der Praxis gilt: Sobald ESG verlangt, dass Teams und Einzelne ihr Verhalten im Arbeitsalltag dauerhaft ändern, sinkt die tragende Kraft der intrinsischen Motivation schnell. Das überrascht nicht. Denn Zustimmung zu einem Ziel ist nicht dasselbe wie konsequente Verhaltensänderung unter Zeitdruck, Zielkonflikten und hoher Arbeitslast.
Gerade in Versicherungen mit ihren komplexen Strukturen, Fachlogiken und regulatorischen Verpflichtungen braucht es deshalb mehr als gute Absichten. Es braucht eine belastbare Change-Architektur. Also einen systematischen Rahmen dafür, wie Veränderungen erklärt, priorisiert, gesteuert, kommuniziert und im Alltag verankert werden.
4. Was Führungskräfte daraus ableiten sollten
Für Vorstände bedeutet das: ESG ist kein isoliertes Nachhaltigkeits- oder Compliance-Projekt, sondern ein strategischer Veränderungsprozess mit Wirkung auf Führung, Organisation und Kultur.
Für ESG-Verantwortliche bedeutet es: Fachliche Exzellenz reicht nicht aus, wenn die Umsetzung in der Breite des Unternehmens nicht anschlussfähig gemacht wird.
Für Kommunikatoren bedeutet es: Interne Kommunikation ist kein Begleitmedium der ESG-Transformation, sondern ein Erfolgsfaktor. Sie schafft Orientierung, übersetzt Komplexität und macht Veränderung bearbeitbar.
Daraus ergeben sich drei zentrale Handlungsfelder:
- ESG unternehmensweit verankern statt funktional isolieren
Nachhaltigkeit muss bereichsübergreifend anschlussfähig gemacht werden. Wenn ESG nur in Fachabteilungen “verwaltet” wird, fehlt oft die Umsetzungskraft in der Linie. - Führung und Governance klar mit der Transformation verbinden
Nachhaltigkeit braucht Klarheit in Rollen, Entscheidungen, Verantwortlichkeiten und Prioritäten. Das kann sich auch in Formaten wie einem Steuerungskreis für Nachhaltigkeit oder der Funktion eines Chief Sustainability Officer (CSO) niederschlagen. - Kommunikation und Beteiligung systematisch aufsetzen
Mitarbeitende müssen verstehen, was sich warum ändert, was das für ihren Bereich bedeutet und wie sie selbst dazu beitragen können. Ohne diese Übersetzung bleibt ESG oft abstrakt.
5. Wo viadoo Versicherer unterstützen kann
Genau an dieser Stelle liegt der Mehrwert eines professionell gestalteten Transformationsansatzes. Die Einführung von ESG in Versicherungsunternehmen braucht nicht nur Fachwissen zu Anforderungen und Prozessen, sondern auch Erfahrung darin, wie Wandel in Organisationen tatsächlich gelingt.
Die viadoo GmbH unterstützt Versicherer dabei, die fachliche ESG-Transformation mit der menschlichen Seite des Wandels zu verbinden. Dazu gehören unter anderem Fragen wie:
- Wie wird ESG in Führung und Organisation wirksam verankert?
- Wie lassen sich Mitarbeitende systematisch in die Transformation einbeziehen?
- Wie muss interne Kommunikation gestaltet sein, damit aus regulatorischen Anforderungen umsetzbare Orientierung wird?
- Wie entsteht aus vielen Einzelmaßnahmen eine konsistente Change-Architektur?
Gerade weil Sustainable Insurance ein Moving Target bleibt, ist diese Verbindung aus fachlicher Umsetzung, Kommunikation und Change-Leadership entscheidend. Versicherer, die ESG nicht nur erfüllen, sondern nachhaltig im Unternehmen verankern wollen, brauchen mehr als Regulatorik-Know-how. Sie brauchen einen Ansatz, der die Organisation mitnimmt.
6. Fazit
Die Versicherungswirtschaft arbeitet mit hohem Einsatz an der Sustainable-Insurance-Transformation. Große Häuser sind bereits weiter, kleinere Gesellschaften stehen vielfach noch am Anfang. Doch unabhängig vom Reifegrad gilt: ESG wird nur dann nachhaltig wirksam, wenn neben Prozessen und Reporting auch Führung, Kommunikation, Beteiligung und Kultur professionell gestaltet werden.
Genau darin liegt für viele Versicherer noch ungenutztes Potenzial.
Zuletzt aktualisiert am 04/28/2026
Autor(en)
Dr. Dominik Faust verfügt über langjährige operative Führungserfahrung (>70 MA) mit P&L-Verantwortung (>6 Mio. €). Er ist Kommunikationsprofi mit der Dreifach-Perspektive eines Journalisten & Autors, eines Leiters Corporate Communications & Pressesprechers sowie eines Medienmanagers. Zudem ist er zertifizierter Change Manager und Großgruppenmoderator. Als Top-Management-Berater unterstützt er seit vielen Jahren KMUs und DAX-Konzerne bei der Planung und erfolgreichen Steuerung komplexer Projekte bzw. Transformationsvorhaben. Seine Erfahrungen teilt er hier im Blog.





