Information und Kommunikation sind entscheidend für den Erfolg von Veränderungsprojekten. Doch Transparenz sollte keine zusätzlichen Ängste hervorrufen. Deshalb achten wir viadoo Change Guides in komplexen Projekten besonders darauf, wann wir welche Botschaften in welcher Form über welche Kanäle an wen kommunizieren. Über Informationsüberflutung und andere Dinge sprachen wir in der neuen Folge unseres ChangeTALK mit Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart, dem Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Risikomanagement an der Wiesbaden Business School. Wichtige Erkenntnis: Der Mensch hat sich in den letzten Jahrhunderten in seiner Risikowahrnehmung immer risikoscheuer entwickelt. Das heißt, er bewertet negative Entwicklungen deutlich drastischer als positive (Reflection-Effect). Diese Tatsache sollte man im Change-Management und in der Veränderungskommunikation berücksichtigen.
Wie unser Gehirn Informationen verarbeitet
Die gestiegene Aversion gegen Veränderungen im Allgemeinen und negative Entwicklungen im Besonderen wird auch durch die Struktur des menschlichen Gehirns gefördert. Deshalb legen wir bei Veränderungsvorhaben großen Wert auf Storytelling und narrative Methoden. Denn wer Menschen überzeugen will, muss ihr Herz erreichen, und der Weg dorthin führt über das Gehirn. Dort treffen Informationen mit einer Geschwindigkeit von 0,07 Sekunden zunächst auf die Amygdala, wo gewissermaßen das Misstrauen angesiedelt ist. In dieser Hirnregion findet die emotionale Einordnung von Gefahren bzw. Problemen statt, wird Angst ausgelöst, hat der Widerstand seine Wurzeln.
Die gleiche Information trifft 0,03 Sekunden später (also insgesamt erst nach 0,1 Sekunden) auf den präfrontalen Kortex. Dort ist quasi das Vertrauen angesiedelt, sind die Erfahrungen gespeichert, auf deren Basis wir Menschen rationale Entscheidungen treffen. Je nachdem, welche Erfahrungen wir in unserem Leben bereits gesammelt haben, überwiegen am Ende entweder Vertrauen oder Misstrauen.
Wenn zu viele Informationen die Vernunft überlagern
Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart betrachtet diesen Aspekt unter anderem aus der Sicht des verhaltenswissenschaftlichen Risikomanagements und der Statistik: „Rein mathematisch betrachtet müssten unsere Ängste eigentlich sinken“, sagt er. Denn die Wahrscheinlichkeit für einen Krieg, eine Hungersnot oder andere negative Entwicklungen sei bei uns in Deutschland de facto gesunken. Doch durch die negative Aufladung von Informationen, die wir über die Medien erhalten, überlagere das limbische System den frontalen Cortex. Es siegt also die Emotion über die Ratio.
Einen empirischen Beleg dafür liefert das aktuelle Angst-Barometer der R+V Versicherung. Demnach haben die Deutschen am meisten Angst vor einer gefährlicheren Welt, verursacht durch den bis Januar 2021 amtierenden US-Präsidenten Donald Trump. Den Hauptgrund für diese Angst sieht Professor Müller-Reichart in der häufigen Aufbereitung entsprechender Themen in den Medien. Eine klassische Informationsüberflutung. Auf diese Weise machten sich die Menschen gleichsam täglich Sorgen darüber, was noch alles passieren könne, bis hin zur Furcht vor neuen kriegerischen Auseinandersetzungen.
Risiko von Angst & Informationsüberflutung
Welche Schlussfolgerung kann man aus dieser Erkenntnis für erfolgreiches Change-Management ziehen? Kann Informationsüberflutung dem Erfolg von komplexer Projekte schaden? Das sei eine schwierige Frage, räumt Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart im Gespräch mit ChangeTALK-Host @doctorchange ein: „Grundsätzlich bin ich ein Fan von maximaler Transparenz. Und Transparenz ist notwendig, um richtige Entscheidungen treffen zu können. Auf der anderen Seite müssen wir sagen: Je transparenter ein Sachverhalt ist, desto mehr treten sowohl seine positiven als auch seine negativen Elemente hervor.“
Wenn sich nun durch maximale Transparenz ein deutliches Übergewicht negativer Aspekte zeige, dann ängstige das die Menschen. „Damit will ich allerdings nicht sagen, dass es manchmal besser wäre, weniger Informationen zu geben. Doch seien wir ehrlich: Früher, aufgrund der damals geringeren medialen Möglichkeiten, lagen die Werte des Angstbarometers deutlich niedriger.“ Das lässt sich natürlich auch so interpretieren, dass Goethes Wort „Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß“ nach wie vor gilt.
Wir von viadoo achten daher in komplexen Projekten stets darauf, dass die Informationsdosis der jeweiligen Unternehmenskultur entspricht und in der Verantwortung der Führungskräfte liegt.
Im Wandel die Chancen hervorheben
Jedem Veränderungsvorhaben sind Risiken inne. Dabei handelt es sich nicht nur um das bekannte Risiko des Scheiterns, das rund 70 Prozent der Wandelvorhaben ereilt. Dazu erklärt Prof. Müller-Reichart: „Risiko ist per Definition das Nicht-Erreichen eines geplanten Zielzustands.“ Allerdings könne ein Zielzustand sowohl verfehlt (das gilt als Wagnis) als auch übererfüllt werden (das gilt als Chance). Deshalb sei es Aufgabe sowohl im Risikomanagement als auch im Change-Management, die Menschen positiv zu beeinflussen, „damit sie Veränderungen als Chance wahrnehmen und nicht als Wagnis.“
Dazu empfiehlt der Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Risikomanagement, die positiven Aspekte von Veränderungsvorhaben hervorzuheben. Wir von der Changeberatung viadoo tun das auf unterschiedliche Arten. So machen wir zum Beispiel deutlich, dass Veränderungen nicht automatisch Verluste bedeuten müssen, sondern auch Gewinne.
ChangeCAST mit Prof. Müller-Reichart (Video)
Warum scheitert Veränderungskommunikation so oft – und welche Risiken werden in Transformationsprojekten regelmäßig unterschätzt? In dieser Folge des viadoo ChangeTALK sprechen wir genau über dieses Thema. Unser Gast: Prof. Dr. Matthias Müller-Reichart, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Risikomanagement. Im Gespräch mit viadoo-Gründer @doctorchange geht es darum, welche Risiken in der Veränderungskommunikation entstehen, warum sie für den Erfolg von Change-Projekten so entscheidend sind und wie Unternehmen mit einer professionellen, vorausschauenden Kommunikation Widerstände, Missverständnisse und Verzögerungen reduzieren können. Kompakt. Praxisnah. Mit wissenschaftlicher Perspektive.
Foto: © Faust / viadoo GmbH
Zuletzt aktualisiert am 05/12/2026
Autor(en)
Dr. Dominik Faust verfügt über langjährige operative Führungserfahrung (>70 MA) mit P&L-Verantwortung (>6 Mio. €). Er ist Kommunikationsprofi mit der Dreifach-Perspektive eines Journalisten & Autors, eines Leiters Corporate Communications & Pressesprechers sowie eines Medienmanagers. Zudem ist er zertifizierter Change Manager und Großgruppenmoderator. Als Top-Management-Berater unterstützt er seit vielen Jahren KMUs und DAX-Konzerne bei der Planung und erfolgreichen Steuerung komplexer Projekte bzw. Transformationsvorhaben. Seine Erfahrungen teilt er hier im Blog.






