Wachstum drückt sich in der Regel in neuen Kunden, neuen Produkten, zusätzlichen Kapazitäten, neuen Geschäftsmodellen, Übernahmen, internationaler Expansion oder dem Zugang zu neuen Branchen aus. Jedes dieser Ziele verändert auch die Organisation, die sie umsetzen muss.
Es müssen dann mehr Menschen zusammenarbeiten. Zuständigkeiten verschieben sich funktionsübergreifend. Neue Schnittstellen entstehen. An Entscheidungen sind mehr Stakeholder beteiligt. Bestehende Schlüsselpersonen müssen zusätzliche Aufgaben übernehmen. Informelle Kommunikation lässt sich immer schwerer aufrechterhalten. Führungsteams verbringen mehr Zeit damit, Prioritäten über eine wachsende Anzahl von Initiativen hinweg abzustimmen.
Irgendwann wird Wachstum zu einer Frage der organisatorischen Leistungsfähigkeit: Kann die Organisation das Wachstum bewältigen? Diese Frage sollten sich Führungskräfte stellen, lange bevor sich organisatorische Reibungsverluste auf Kunden, Lieferleistung, Margen oder strategische Geschwindigkeit auswirken.
Wachstum verursacht organisatorische Belastung
Viele Wachstumsschmerzen entwickeln sich sukzessive: Die Entscheidungsfindung dauert länger. Der Koordinationsaufwand steigt. Zuständigkeiten werden unklarer. Teams entwickeln ihre eigenen Prioritäten und Arbeitsweisen. Schlüsselpersonen werden zu Engpässen, da Wissen, Entscheidungsbefugnisse oder Kundenbeziehungen weiterhin auf sie konzentriert sind. Die interne Kommunikation wird komplexer, und Kunden oder andere externe Stakeholder erhalten möglicherweise unterschiedliche Botschaften aus verschiedenen Teilen der Organisation.
Jedes einzelne Signal mag überschaubar erscheinen. Eine Kombination mehrerer Signale kann jedoch darauf hindeuten, dass die bestehenden Strukturen und Arbeitsabläufe der Organisation an ihre Grenzen stoßen.
Dies ist ein zentraler Gedanke hinter unserem viadoo Growth Readiness Review.
Dabei beschreibt die Growth Readiness bzw. die Wachstumsfähigkeit einer Organisation ihre Kompetenz, strategische Ambitionen in eine zuverlässige Struktur zu überführen, während Umfang und Komplexität zunehmen.
Entscheidungsfindung in Unsicherheit
Wachstumsfähigkeit hat auch eine kulturelle Dimension. Das wird anhand des „PwC Global Automotive Sector Outlook 2026“ deutlich. Die Studie basiert auf den Antworten von 720 Führungskräften in 33 Ländern, darunter 86 Führungskräfte aus Deutschland.
In der Studie gaben nur 57 Prozent der befragten Führungskräfte an, eine hohe Toleranz gegenüber strategischen Risiken zu haben. In der von PwC als „zukunftsfähig“ eingestuften Gruppe lag dieser Wert bei 80 Prozent. PwC hebt zudem die Kompetenzen der Belegschaft und die Unternehmenskultur als wichtige Faktoren für den Aufbau von Software- und KI-Kompetenzen hervor und verweist auf agile Kulturen, die kurze Lernzyklen unterstützten.
Das Konzept der „Just Culture“
Für Führungsteams hat dies konkrete Auswirkungen: Wachstum erfordert häufig Entscheidungen, bevor alle Variablen bekannt sind. Neue Produkte, Märkte, Technologien und Geschäftsmodelle schaffen Situationen, in denen das Management Schnelligkeit, Verantwortlichkeit, Lernbereitschaft und Risikobewusstsein miteinander verbinden muss.
Eine „Just Culture“ kann dieses Umfeld unterstützen. Risiken, Fehler, operative Bedenken und noch schwache Signale müssen bereits frühzeitig die richtigen Entscheidungsträger erreichen. Die Verantwortlichkeiten müssen klar bleiben. Führungskräfte benötigen verlässliche Informationen aus dem Unternehmen, um Entscheidungen und Prioritäten anzupassen.
Zwölf Wochen vom Produktionshochlauf bis zur ersten Auslieferung
Ein aktuelles Beispiel aus der europäischen Verteidigungsindustrie veranschaulicht, wie sich organisatorische Fähigkeiten in Umsetzungsgeschwindigkeit niederschlagen können. ARX Robotics und DEUTZ gaben kürzlich bekannt, dass die ersten im DEUTZ-Werk in Ulm hergestellten unbemannten Bodensysteme vom Typ GEREON bereits zwölf Wochen nach Beginn ihres gemeinsamen Produktionshochlaufs ausgeliefert worden seien.
Die Partnerschaft verbindet die Kompetenzen von ARX Robotics in den Bereichen Systementwicklung, Software und Integration mit den Fähigkeiten von DEUTZ in den Bereichen industrielle Fertigung, Qualitätssicherung und Skalierung. Dies erfordert Schnittstellen zwischen Unternehmen und Funktionen. Die Zuständigkeiten müssen klar definiert sein. Entscheidungen müssen schnell genug getroffen werden können. Qualitätsanforderungen müssen aufeinander abgestimmt werden. Produktionsziele müssen in operative Prioritäten umgesetzt werden.
Solche Partnerschaften können die verfügbaren Kapazitäten erhöhen und Kompetenzlücken schließen. Ihre Leistungsfähigkeit hängt stark von dem Organisationssystem ab, das diese Kompetenzen miteinander verbindet.
Vier Bereiche verdienen besondere Aufmerksamkeit
Eine vollständige Überprüfung bzw. Bewertung von Organisationen ist nicht immer der erste notwendige Schritt. Für eine erste Einschätzung haben wir daher den kostenlosen viadoo Growth Readiness Schnelltest entwickelt. Damit können Nutzer die organisatorische Wachstumsbereitschaft ihres Unternehmens oder ihrer Organisation aus vier verschiedenen Perspektiven analysieren:
1. Entscheidungen und Steuerung
Wie schnell können relevante Entscheidungen getroffen werden? Wenn Organisationen wachsen, nehmen Genehmigungswege und Abhängigkeiten in der Regel zu. Führungsteams benötigen Klarheit über Entscheidungsbefugnisse, Eskalationswege, Prioritäten und Steuerungsmechanismen.
2. Rollen, Schnittstellen und Zusammenarbeit
Wachstum schafft neue Rollen, Funktionen, Teams und externe Partner. Die Qualität der Schnittstellen zwischen ihnen gewinnt zunehmend an Bedeutung. Klare Zuständigkeiten, effektive Übergaben und funktionsübergreifende Zusammenarbeit tragen dazu bei, die Umsetzungsgeschwindigkeit auch bei zunehmender Komplexität aufrechtzuerhalten.
3. Führung und organisatorische Leistungsfähigkeit
Wachstum verändert die Anforderungen an Führungskräfte und Schlüsselpersonen. Eine Organisation benötigt ausreichende Führungskapazitäten, verteilte Verantwortung, Wissenstransfer und die Fähigkeit, aus Erfahrungen zu lernen. Die Unternehmenskultur beeinflusst, ob relevante Informationen die Entscheidungsträger erreichen und ob Teams ihr Verhalten an sich ändernde Anforderungen anpassen können.
4. Externe Auswirkungen
Interne Komplexität wird schließlich auch außerhalb der Organisation sichtbar. Kunden, Lieferanten, Investoren und andere Stakeholder erleben unklare Zuständigkeiten, inkonsistente Kommunikation, langsame Reaktionen oder Lieferprobleme unmittelbar.
Diese externen Signale können wertvolle Hinweise darauf liefern, dass die Herausforderungen des organisatorischen Wachstums bereits über interne Unannehmlichkeiten hinausgehen.
Von Anzeichen zu Ursachen
Die ersten Anzeichen sogenannter Wachstumsschmerzen sind oft leicht zu erkennen: Es kommt ein weiteres Meeting hinzu. Eine neue Koordinationsrolle wird geschaffen. Ein Prozess wird erweitert. Eine zusätzliche Berichtsebene entsteht. Die Führungsebene greift häufiger ein, um funktionsübergreifende Probleme zu lösen.
Unser viadoo Growth Readiness Review konzentriert sich daher auf drei Managementfragen:
Wo verursacht Wachstum unnötige Reibungsverluste?
Wir untersuchen Entscheidungslogik, Zuständigkeiten, Schnittstellen, Abhängigkeiten und die Zusammenarbeit im gesamten Unternehmen.
Welche Probleme haben die größten Auswirkungen?
Führungsteams stehen in der Regel gleichzeitig vor mehreren organisatorischen Herausforderungen. Das Verständnis ihrer Auswirkungen hilft dabei, sinnvolle Prioritäten zu setzen.
Wo sollte die Führung ansetzen?
Ziel ist es, die Bereiche zu identifizieren, in denen die Aufmerksamkeit des Managements und gezielte organisatorische Veränderungen den größten Hebeleffekt für die Leistung und weiteres Wachstum erzielen können.
Ein gemeinsames Bild aus verschiedene Perspektiven
Menschen betrachten Herausforderungen aus ihrer jeweiligen Perspektive. So sieht das Management möglicherweise ein Governance-Problem, während Mitarbeitende möglicherweise unklare Zuständigkeiten erleben. Der Vertrieb nimmt dagegen langsame Reaktionszeiten wahr, während der operative Bereich instabile Schnittstellen erkennt. Kunden schließlich erleben einfach Inkonsistenzen.
Der viadoo Growth Readiness Review kombiniert diese Perspektiven mit verfügbaren Unternehmensdaten. Unser Ansatz umfasst daher vier Schritte:
1. Zuhören
Wir sprechen mit Führungskräften und, je nach Umfang, mit anderen relevanten Stakeholdern. Vorhandene Daten und gezieltes Mitarbeiter-Feedback liefern zusätzliche Perspektiven.
2. Verstehen
Wir identifizieren wiederkehrende Muster, Abhängigkeiten, unklare Zuständigkeiten, Schnittstellenprobleme und Ursachen für organisatorische Reibungsverluste.
3. Priorisierung
Wir bewerten, welche Probleme den größten Einfluss auf die Leistung und das zukünftige Wachstum haben, und erarbeiten eine gemeinsame Sichtweise der Führungskräfte auf die Prioritäten.
4. Maßnahmen
Wir setzen die Erkenntnisse in konkrete Empfehlungen um. Die „Extended Review“ umfasst zudem einen priorisierten 90-Tage-Umsetzungsplan.
Das Ergebnis ist ein faktenbasiertes Bild der Wachstumsbereitschaft des Unternehmens, klarere Prioritäten für das Management und konkrete nächste Schritte.
Entscheidend ist: Das Wachstumskonzept definiert das Ziel. Die Wachstumsbereitschaft bestimmt, wie zuverlässig das Unternehmen dieses Ziel umsetzen kann.
Titelbild: © Faust / viadoo GmbH
viadoo unterstützt seit 2004 Unternehmen und Organisationen in der Verteidigungsindustrie bei komplexen Transformationsvorhaben. Im Mittelpunkt stehen dabei die menschlichen Faktoren, die Umsetzung beschleunigen oder blockieren können: Führung, Governance, Zusammenarbeit, Beteiligung und Kommunikation.
Autor(en)
Dr. Dominik Faust verfügt über umfassende Erfahrung in der Führung komplexer, funktionsübergreifender Initiativen an der Schnittstelle von Transformation, Governance und Kommunikation (P&L-Verantwortung > 6 Mio. €). Als Gründer der viadoo GmbH unterstützt er seit vielen Jahren Führungskräfte aus KMUs und DAX-Konzernen operativ bei der Planung und erfolgreichen Steuerung anspruchsvoller Projekte. Dazu gehören M&As (Post-Merger Integration), Restrukturierungen oder Projekt-Recovery.





