Ein Flugzeugträger ist ein soziales Hochleistungssystem: Bis zu 5.000 Menschen leben und arbeiten oft über Monate auf engstem Raum. In dieser Extremsituation offenbart sich, wie Führung mit Gruppenprozessen und menschlichen Dynamiken umgeht. Der Kapitän steht im Zentrum eines Systems, das ohne gezielte soziale Führung schnell dysfunktional würde. Davon können auch CEOs lernen. Selbst wenn es einen klaren Unterschied zur zivilen Welt gibt: Das militärische Führungsprinzip basiert auf Macht qua Dienstgrad und Rolle sowie dem darauf aufbauenden militärischen Funktionsprinzip Befehl und Gehorsam. Unser Gründer Dominik Faust, selbst jahrelanger Presseoffizier (d.R.) der Bundeswehr, verbrachte kürzlich eine knappe Woche auf dem Flugzeugträger Harry S. Truman (CVN 75) im Rahmen einer ehrenamtlichen Truppenbetreuung für die U.S. Navy. Für uns schildert er seine Eindrücke.
Inhalt:
1. Tagelang ohne Tageslicht
Irgendwo auf dem Mittelmeer kreuzt das atomgetriebene Schiff der Nimitz-Klasse mit 97.000 Tonnen Standardverdrängung. Es steht im Zentrum des multifunktionalen U.S.-Marineverbands CSG-8 und gehört zur Naval Air Force Atlantic (AIRLANT). An Bord befinden sich über 5.000 Männer und Frauen. Etwas weniger als die Hälfte davon hält 24/7 den Flugbetrieb mit knapp 70 Maschinen (primär F/A-18E Super Hornets) in Zyklen aufrecht. Die andere Hälfte arbeitet fast ausschließlich in Bereichen unter Deck. Sie erstrecken sich auf zehn Stockwerke unter der Wasserlinie. Sie sehen tagelang kein Tageslicht.
Die Schiffsbesatzung ist in insgesamt 2.700 Kajüten untergebracht. Das fliegende Personal (Air Wings) hat seine Quartiere direkt unter dem Flugdeck, der Rest darunter. Offiziere genießen das Privileg von „Zweibettzimmern“ in Form von Stockbetten, während sich Mannschaftsdienstgrade mit Drei-Stock-Kojen in Schlafsälen begnügen müssen. Auch die täglich knapp 20.000 Mahlzeiten nehmen Führungskräfte und Teammitglieder in getrennten sowie unterschiedlich ausgestatteten Messen (Speisesälen) ein. Diese Privilegien für Offiziere symbolisieren das hierarchische System Flugzeugträger sehr eindrücklich.
2. Der Flugzeugträger als soziales System
Der Flugzeugträger ist ein geschlossener Mikrokosmos, eine Art „soziales Labor unter Volllast“: Hierarchien sind klar, Rollen definiert, Entscheidungswege effizient. Doch unter dieser Oberfläche wirken informelle Systeme. Sozialpsychologisch gesprochen: Die Bedürfnisse nach Autonomie, Kompetenz, sozialer Zugehörigkeit und Status (Deci & Ryan, Goleman, Tajfel) bleiben auch im militärischen Kontext zentral. Gerade ein Schiff dieser Größe ist von Ingroup-/Outgroup-Dynamiken geprägt. Crewmitglieder identifizieren sich gerne mit ihrer Abteilung, die auch optisch sichtbar sind.
So tragen beispielsweise die „Hookup Men“ (sie bedienen die Katapulte an Deck) sowie das Wartungspersonal grün, die „Shooter“ tragen gelb, das Kraftstoffpersonal lila („Grapes“) und die Waffenexperten rot. Daneben gibt es Unteroffiziere bzw. „Petty Officer“ (PO) mit unterschiedlichen Spezialisierungen, die durch Abzeichen an den Uniformen zu erkennen sind. So gibt es unter anderem verwaltungstechnische, medizinische oder zahnärztliche POs, schiffstechnische POs sowie POs des Flugbetriebspersonals.
3. Soziale Kohäsion durch interdisziplinäre Teams
Vor diesem Hintergrund wird klar, dass Führungskräfte auf dem Flugzeugträger bewusst Gruppen-übergreifende Identität stiften und Gemeinschaft über Funktion stellen müssen. Denn Funktionssilos führen stets zu Missverständnissen und Rivalitäten: Piloten versus Wartungspersonal, Technik versus Verwaltung, Offiziere versus Mannschaften. Das Wecken und vor allem das Aufrechterhalten eins „Wir-Gefühls“ sind auf dem Flugzeugträger, aber auch zum Beispiel in Post-Merger-Integrationen wichtig.
Soziale Führung sorgt also für soziale Kohäsion durch Teamidentität über Bereichsgrenzen hinweg. Das entscheidet auch in Change-Projekten über deren Erfolg oder Scheitern. Dabei helfen dem Führungspersonal auf dem Flugzeugträger die Existenz interdisziplinäre Einheiten. So ist zum Beispiel die Besatzung des Flugdecks in Teams untergliedert, die sich aus verschiedenen Funktionsträgern zusammensetzen. Diese unterscheiden sich optisch durch die bereits genannten farbige Decktrikots.
4. Soziale Identität durch Rituale und Narrative
Die emotionale Bindung an eine Organisation bzw. die soziale Identität ist kein Luxus, sondern entscheidend für die Motivation und Leistungsbereitschaft eines Teams. Sie sind strategische Werkzeuge der Kulturentwicklung. Für die Wirksamkeit einer jeden militärischen Organisation – auch und gerade für die des Waffensystems Flugzeugträger – ist emotionale Bindung sogar überlebenswichtig. Dazu dienen Rituale, Symbole und Narrative.
5. Interne Kommunikation als Management-Tool
Für die identitätsstiftenden Narrative ist in Organisationen die (interne) Kommunikationsabteilung zuständig. Als Presseoffizier (d.R.) habe ich viele Jahre in unterschiedlichen Verbänden der Bundeswehr die externe und interne Kommunikation mitverantwortet. Dazu gehörte die externe Medienarbeit ebenso wie die Herausgabe klassischer (interner) Feldzeitungen für Soldaten bei Großübungen.
Auch an Bord der USS Herry S. Truman gibt es ein Presse- und Informationszentrum. Die Kameraden dort produzieren TV-Sendungen, die sie regelmäßig auf TV-Geräte in den Kajüten übertragen. Außerdem posten sie auf Instagram und anderen sozialen Kanälen beinahe täglich Fotos und erstellen gedruckte Newsletter und Magazine. Letztere liegen z.B. in den Messen aus.
Der Kapitän wendet sich täglich mit einer Audio-Ansprache live an seine Besatzung, die via Lautsprecher in die Kajüten übertragen wird. Er kürt einen „Sailor of the Day“ und baut mit seiner transparenten Kommunikation Gerüchten vor. Zudem gibt es ein kleines Museum, das an den Namensgeber, US-Präsident Harry S. Truman, erinnert sowie an die Tradition und Werte, für die die Besatzung jederzeit zu kämpfen bereit ist (“Give ’em Hell!“).
Kapitän und Führungsteam fördern mit all diesen und weiteren kommunikativen Maßnahmen Vertrauen, Transparenz, soziale Kohäsion sowie soziale Identität.
6. Psychische Stabilität durch Freizeitangebote
Der Alltag an Bord ist monoton, eng und laut. Hinzu kommt die monatelange Trennung von ihren Familien. Das psychische Belastungsniveau für die Matrosen ist hoch. Um das Gefüge stabil zu halten, gibt es Verhaltensregeln für ein gedeihliches Miteinander und für Streitschlichtung. Vor allem aber gibt es rund ein Dutzend Gyms oder Workout Areas auf dem riesigen Schiff. Für das Seelenheil bieten an Bord Priester täglich Gottesdienste für verschiedene Konfessionen an – in einem Raum der je nach Religion schnell umgestaltet wird. Natürlich gibt es auch eine Bücherei und ein Kino.
Von Freiwilligen organisiertes BBQ für 5.000 Matrosen
Und manchmal kommen mit Zustimmung der U.S. Navy und des Kapitän Freiwillige auf eigene Kosten an Bord. So hatten wir als „Steak Team 6“ tausende original T-Bone-Steaks aus Texas gekaut und einfliegen lassen. In der Nacht vorher haben wir sie in einer Großküche aufgetaut und in großem Stil alle möglichen BBQ-Beilagen vorbereitet. Am nächsten Tag haben wir dann auf dem 1,8 Hektar großen Flugdeck für 5.000 Frauen und Männer gegrillt und ein gigantisches BBQ veranstaltet. Der Kapitän ordnete zudem den ersten Badetag des Einsatzes an. Auf diese Weise haben wir den Matrosen einen unvergesslichen Tag beschert, der nachhaltig auf die Moral und psychische Stabilität einzahlte (vgl. Video am Ende).
Solche Angebote und Events wirken emotional entlastend, verbinden über Hierarchien hinweg und stärken das Gefühl von Autonomie und Wahlfreiheit. Sie verhindern soziale Erosion – also den schleichenden Rückzug ins Private, passives Mitlaufen oder innerliche Kündigung.
7. Fazit zum Thema soziale Führung
Ob Flugzeugträger oder Unternehmen: Organisationen sind soziale Systeme. Wer in ihnen Veränderungen gestalten will, muss diese Systeme pflegen – durch soziale Kohäsion, soziale Identität, wirksame Kommunikation, psychsiche Stabilität. Führung bedeutet heute eben nicht nur Entscheiden, sondern Gestalten von Beziehungen.
Zuletzt aktualisiert am 09/14/2025
Autor(en)
Dr. Dominik Faust ist Gründer der viadoo GmbH. Als Top-Management-Berater mit langjähriger Führungserfahrung entwickelt er seit Jahren Change- und Kommunikationskonzepte für KMUs und DAX-Konzerne und setzt sie erfolgreich um. Mit der Bedeutung des Faktors Mensch für den Erfolg von Veränderungsprojekten ist er bestens vertraut. Die menschliche Seite der Transformation liegt ihm daher besonders am Herzen. Dominik verbindet zertifizierte Veränderungskompetenz mit multimedialer Storytelling-Expertise und operativer Change-Leadership-Erfahrung mit hoher Methodenkompetenz.






